Erleben Sie an Bord der Segelyacht Timanfaya unvergessliche Segelferien
 
Unser Revier ist das gesamte Mittelmeer und die Karibik bis Venezuela. 
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Tagebuch des Transat Ost-West

Unser Crewmitglied Katharina O. hat uns liebenswürdigerweise ihren Bericht zukommen lassen. Wir möchten Euch diese spannende Fortsetzungsgeschichte nicht enthalten und wünschen Euch viel Vergnügen beim Lesen.

 

17.11.08 Atlantik

2.Tag. N28°50, W13°47

Ein klarer, frischer Morgen erwartet uns. Strahlend blauer Himmel, kein Wind, das Wasser glatt wie ein Spiegel, kein Hauch kräuselt die Oberfläche.

Der Skipper hat sich hinter dem PC verschanzt. Der Kartentisch ist übersäht mit Blättern. Wetterbericht, Windkarten, Sturmwarnungen flattern nons-top aus einem schmalen Gerät an der Wand. Wir warten auf Informationen. Vorgesehen ist, dass wir heute auslaufen.
Dreitausend Meilen liegen vor uns und viel, viel Meer. Jedem von uns ist bewusst; dass, einmal auf offener See, es kein Zurück, kein Abspringen, kein Aussteigen mehr gibt.
Endlich! Christian zitiert uns an den Kartentisch. Etwas brummig informiert er „Wir laufen aus. Es wird Wind geben, aber den falschen. Wir bleiben vorerst im Norden“. Wir besprechen den Wachplan. Im Turnus wird drei Stunden gearbeitet, sechs Stunden geruht, drei Stunden gearbeitet usw. rund um die Uhr. Wir werden in Zweierteams eingeteilt.
Im Logbuch notiere ich: 11Uhr 05 - Anker hoch. Schnell werden noch die letzten SMS verschickt. Ein letzter Kontakt mit zuhause geknüpft, bevor die dreiwöchige Funkstille eintritt.
Am Nachmittag stehe ich am Steuer. Breitbeinig, im Gleichgewicht, die Hände verkrampft am grossen Rad.

Ich muss mich an die Jacht, an die neuen Dimensionen gewöhnen, an das Steuerrad, das grob umwickelt und so rau ist, dass sich meine Finger nach kurzer Zeit aufschürfen. Wo sind meine Handschuhe? Ich bin gefordert. Der Wind nimmt zu, frischt auf. Ich friere. Kurs halten ist die Devise. Bei 270 ° mit einem Ost-Nord-Ost Wind. Der Dauerblick auf die Kompassnadel bringt die Augen zum Überlaufen. So wechsle ich mich mit Reto jede halbe Stunde ab. Nach drei Stunden bin ich froh, meinen Dienst quittieren zu können. Es reicht für den Anfang.
Die Nacht ist dunkel, der Himmel mit Sternen übersäht. Sie glitzern wie Edelsteine. Die Milchstrasse spannt ihre Bahn in hohem Bogen, als erwarte sie uns zum Spaziergang. Wind bläst, das Boot zieht. Ich mag das Segeln in der Nacht,  das Zischen und das Schäumen des Wassers, die Wellen, die die Jacht hochheben, um sie dann sanft oder auch wütend über die Wogen zu tragen. Kein Mond, kein Horizont, keine Sicht,  aber du spürst den Wind, du fühlst das Boot unter dir und du riechst die See. Ich liebe diese Kombination.
Das Alleinsein mit mir und meinen Gedanken. Nirgendwo sonst bin ich mir so nahe.

18.11.08 Las Palmas

3.Tag  N28°53, W17°16

Wir segeln noch immer im Norden. Christian sitzt vor der aktuellen Wetterkarte. Seine Miene ist ernst.  Er bezieht seine Informationen aus den USA.
Über Satellit werden ihm die Daten auf den PC übermittelt. „Es liegt ein Sturmtief vor uns“, meint er so nebebei beim Frühstück. „Wir müssen die Entwicklung im Auge behalten“.
Über uns lacht die Sonne. Ab und zu ziehn Wolken vorbei. Ein Unwetter? – unvorstellbar! Am Mittag wird das dritte Segel, das Fock gesetzt und zum Schmetterling ausgebaut. So bekommen wir mehr Speed. Kurz nach 18Uhr laufen wir an Las Palmas, der nördlichsten Insel der Kanaren vorbei. Hat sich’s jemand anders überlegt? Die letzte Chance abzuspringen! Niemand meldet sich.
Kaum hat sich die Sonne im Westen verabschiedet, nimmt der Wind zu. Die Wellen schieben sich von hinten heran, türmen sich auf, werden meterhoch. Die Spät-schicht wird hart. Wir surfen mit 12 Knoten. Dies erfordert  Kraft und Konzentration. Ich spüre meine Arme kaum mehr. Dank dem Wellengang von hinten ist das Boot noch zu halten. Es bleibt im Gleichgewicht. 
Bei 13 Knoten wird das Segel gerefft, verkleinert. Bei diesem Wind und Wellengang wird das Manöver am Mast zu einem akrobatischen Kräfteakt für unsere Männer.
Später in der Koje ist die Wut des Meeres zu hören. Nur eine dünne Aluschicht trennt mich vom Wasser. Ich liege knapp unter dem Meeresspiegel. Die Wellen schlagen, zischen, klatschen, bei jedem Wellenangriff ein tosender  Lärm.
Mir ist, als würde mich der Schnellzug streifen. Ich  stosse rosa Kugeln in den Gehörgang. Erfolglos. Ohne Schlaf, eingepackt in Leggins, Jeans, zwei Pullover, einer Mütze und meinem Ölzeug trete ich um zwei Uhr in der Früh meine Wache an. Der Wind ist kalt. Er bläst ungebrochen. Das Steuer in der Hand, Kurs 265° halten, preschen wir Richtung Westen. Plötzlich spannt sich neben mir die Lifeline von Reto.
Sie ist am Boden festgemacht.  Ich drehe mich um. Reto hängt über der Reling, wie eine Fahne im Wind und würgt. Sein Körper wird krampfartig durchgeschüttelt. Der Wind droht ihn von Bord zu fegen. Er hängt in den Gurten. Lifeline heisst nicht umsonst Lebensleine. Ich schalte auf Autopilot, angle eine Wasserflasche und eile zu Hilfe. Die Seekrankheit ist das Schlimmste, was dir auf einem Törn passieren kann.

Du fühlst dich dem Sterben näher als dem Leben.

19.11.08 Atlantik

4. Tag N 28°22, W20°55

Vierundzwanzig Stunden ohne Schlaf. Ich sehne mich nach Ruhe. Nach der Nachtschicht falle ich mit den Kleidern in die Koje. Der Wind kann stöhnen. Die Wellen schlagen. Das Boot auseinanderbrechen. Wen kümmert’s? Ich tauche ab in eine Tiefe der absoluten Stille. Schlafen wird zur Mangelware, wird zum Luxus.

Noch habe ich den inneren Rhythmus nicht gefunden. Schon stehe ich wieder auf der Brücke, beobachte, suche den Horizont ab, verliere mich in der Weite der Unendlichkeit. Nichts ist auszumachen. Kein Schiff, kein Segel, kein gar nichts. Nur eine blaue Weite. Wer meint, das Meer sei langweilig, täuscht sich. Wasser verändert sich dauernd. Manchmal ist es glatt, sanft, still und dann wieder rau und aufwühlend wild. Die Farbe des Meeres, so sagt man, spiegle den Himmel. Heute präsentiert er sich in einem tiefen blau, wolkenlos. Die Sonne wärmt. Der Wind verliert an Kraft. Das gibt uns Gelegenheit, an Deck zu essen.

Esther serviert kleine Häppchen. Wir trinken Wasser. Alkohol ist während der Überfahrt tabu. Einen klaren Kopf behalten ist die Devise.
Das Gespräch dreht sich um die Beweggründe für die Teilnahme an diesem Törn.
Reto und Hansjörg zum Beispiel, die beiden befreundeten Ingenieure, träumen von einer Weltumseglung. Geschäft verkaufen, Frühpensionierung, Jacht erwerben
und lossegeln. Wochen, Monate, Jahre. Rund um die Welt.
Ankern wo es gefällt und Leine los, wenn es einen weiter zieht. Frei sein. Wer möchte das nicht?

Heute ist der Tag länger als gewöhnlich. Wir überspringen eine Zeitzone. Die Uhr wird um eine Stunde zurückgestellt. Ich nutze die Muße, um das Innenleben der Timanfaya mit meiner Kamera festzuhalten. Das Herzstück ist der Salon mit Kartentisch und einer Lesecke rechts. Die linke Seite ist ausgefüllt mit dem großen run-den Esstisch und der eingebauten Sitzbank. Hier finden gut und gerne zehn Personen Platz. Hier wird gegessen, geplaudert, gelacht, diskutiert, werden Geschichten erzählt. Küche und Vorratskammer liegen dahinter. Lebensmittel für vier Wochen türmen sich hier. In einer Hängematte schwingen die Früchte. Hundertfünfzig Kilo Mehl lagern in Säcken. Zwei bis dreimal die Woche wird unser Boot zur schwimmenden Backstube. Christian macht frisches Brot. Ein Genuss, den wir zu würdigen wissen.

20.11.08 Atlantik
5.Tag N27°58,W24°11

Ich warte auf die ersten Sonnenstrahlen. Nach einer dunklen, langen Nacht wünsche ich mir das Licht. Der Mond hat an Kraft verloren. Für ihn ist Fastenzeit.
Er wird täglich dünner. Bis zu seiner Selbstauflösung dauert es höchstens noch ein, zwei Nächte. Mein Blick richtet sich nach Osten.
Ein gelbes, mattes Lichtband zieht sich über den Horizont. Die Wolken färben sich rosa. Wo steigt die Sonne aus dem Wasser? Der Sonnenaufgang ist etwas Grandioses, etwas Erhabenes.
Es lässt mich jedes Mal erschaudern, wenn sich die goldene Kugel aus dem Meer erhebt und den Himmel zum Brennen bringt. Ich spüre ihre Kraft, ihre Wärme.
Die Nacht weicht. Der Tag kann kommen.

Wir sitzen beim Frühstück. Wir lassen uns Zeit, quatschen, lachen und nehmen Herbert auf die Schippe, der selbstverliebt in sein dick bestrichenes Nutellabrot
beisst. Plötzlich Lärm an Deck, die Tücher schlagen. Der Baum zerrt an den Seilen, als wolle er sich befreien. Das Boot schaukelt seitlich hin und her.
Wir rutschen von unseren Sitzen. Kein Wind! Er hat uns mitten im Atlantik stehen lassen! Wir stecken in einer Flaute. Das Boot ist nicht mehr zu steuern.
Alle Mann/Frau an Deck. Die Tücher einrollen. Das Grossegel herunternehmen. Unser Skipper ist ein Perfektionist. Waghalsig auf dem Baum balancierend, wird das Grosstuch fein säuberlich gestreckt, in Falten gelegt und in den blauen Schutzsack gepackt.
Die Schoten werden aufgeworfen und an der richtigen Stelle platziert. Alles hat seine Ordnung. Schwarze Wolken ziehen auf. Der Himmel dunkelt ein.
Wir haben unsere Arbeit gerade beendet, als der erste Sprühregen über das Boot fegt. Wer nicht Wache hat, rettet sich ins Trockene. Wir fahren jetzt unter Motor.

Der Lärm in der Koje ist unerträglich. Ich versuche mich mit Lesen abzulenken. In “Vierzig Rosen“ von Thomas Hürlimann sind Marie und ihr Vater gerade dabei, Abschied von Haus und Heim zu nehmen, als eine nervöse Unruhe auf dem Boot ausbricht. Der Motor wird gedrosselt. Rufe, Getrampel über meinem Kopf.
Ich sehe nach, steige durch die Luke. Der Regen hat aufgehört. Christian steht am Heck und kurbelt an der Fischerrute.
Elena, bewaffnet mit Messer und blauem Plastikeimer, kreuzt meinen Weg. Tatsächlich, die Leine ist zum Zerreißen gespannt. Am Ende, noch etwa hundert Meter entfernt, bewegt sich etwas Goldglänzendes. Es kommt näher, schlägt um sich, wehrt sich was das Zeug hält. Eine Goldmakrele hängt an der Angel!
Die Augen weit aufgerissen, angstvoll, der Mund offen, nach Luft schnappend. Der Angelhacken steckt im Unterkiefer. Ein Prachtkerl von cirka achtzig Zentimeter Länge.
Das Leiden ist kurz. Christian ist ein geübter Fischer. Kurze Zeit später liegt der Fisch filetiert im Kühlschrank. Zum Abendessen steht er auf dem Menuplan.
Gewürzt, gebraten, mit frischen Kräutern serviert, wird er zum besten Fisch, den ich je gegessen habe. So frisch, so zart. Eine Gaumenfreude auch ohne Weißwein !!

Katharina O.

21.11.08
6. Tag N26°58, W26°55

Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung. Wasserfest eingepackt stehe ich auf der Brücke. Der Himmel hat seine Schleusen geöffnet. Es regnet, als würde das Universum über uns zusammenbrechen. Das Wasser fliesst in Bächen an mir herunter, überflutet meine Stiefel und sucht das Weite über die Reling zurück ins Meer. Es gibt nur noch Wasser. Das Meer eine Welt ohne Grenzen, eine seelenlose Landschaft. Ich komme mir vor wie in Wagners fliegendem Holländer. Das Steuerrad auf Autopilot bewegt sich wie von Geisterhand. Alle Luken sind geschlossen. Kein Licht. Ich fühle mich abgenabelt von der Welt, alleine und verlassen. Meine Sicht endet beim Mast. Den Bug gibt es nicht mehr. Ich kann nur hoffen, dass kein Frachter, kein Fischerboot, kein verloren gegangener Container unsere Wege kreuzt. Ein Crash hätte verheerende Folgen. Obwohl wir über eine Rettungsinsel verfügen, sei das Boot erst dann zu verlassen, wenn es sinkt. Es sei immer noch angenehmer auf einem beschädigten Boot auszuharren, als eingeengt in einer Rettungsinsel führerlos auf dem Atlantik zu treiben. So jedenfalls meinte es der Skipper. Doch die Timanfaya kennt keine Ängste. Sie verfolgt ungehindert, stolz und elegant ihren Kurs.

Die Nacht ist ruhelos, die Wellen sind heftig. Das Boot bewegt sich von einer Seite zur anderen. An schlafen ist nicht zu denken. In der Koje liegend rolle ich hin und her. Ich komme mir vor wie ein Teig unter dem Walholz, matsch und flachgedrückt. Am Frühstückstisch treffe ich nur müde Gesichter. Keiner hat geschlafen. Hansjörg leert einen Kaffee nach dem anderen in sich hinein. Langsam kommt er auf Touren. Er klopft seine Sprüche und holt uns aus unserer Lethargie. Der Skipper, frisch wie am ersten Tag, ruft von der Brücke herunter: „Segel setzen:“ Keiner von uns hat bemerkt, dass sich der Wind zurück gemeldet hat. Es ist eine echte Wohltat, wenn der Motor schweigt, das monotone Brummen stirbt. Wenn der Wind in den Segeln das Sagen hat.

Wir sind auf Südkurs in Richtung Kap Verde. Christian will einem Tiefdruckgebiet ausweichen. Der Wind hat aufgefrischt. Wir segeln jetzt am Wind, das Boot liegt in Krängung, Alles was nicht Niet- und nagelfest ist, kommt ins Rutschen. Es gibt keine horizontale Fläche mehr. Wir sitzen auf dem äusseren Rand der Brüstung, in luftiger Höhe, wie die Hühner auf der Stange. Die Wellen überspülen den Bug, die Reling. Es zischt und spritzt. „Wir reffen“, ruft Christian durch das Getöse, „Stell das Boot in den Wind.“ Kann ich das Boot halten oder fahre ich durch den Wind? Die Segel flattern. Alle Blicke hängen am Mast. Das Grosstuch klemmt. Nun komm schon runter, verdammt, komm runter! Nichts bewegt sich. Wir werden abgetrieben. „In den Wind!“ schreit es von Neuem. Ich mag diese Segelmanöver nicht, sie sind mir zu aufregend. Und doch, nach der Ausführung ist das Segeln angenehmer, das Boot ruhiger in seiner Fahrt.

22.11.08 Atlantik
7. Tag N24°15, W26°29

Die Schiffsglocke ruft zum Frühstück. Soll ich aufstehen oder liegen bleiben? Ich bin noch nicht lange in der Koje. Ich entscheide mich gegen meine Müdigkeit. Das Morgenessen hat eine zentrale Bedeutung. Man trifft sich, bespricht, tauscht Erlebnisse aus der Nacht aus. So hat Hansjörg in der Dunkelheit Ufos gesehen, grüne Leuchtkörper seien vom Himmel gefallen. Heidi bestätigt, etwas Ähnliches erlebt zu haben. Während wir noch über Naturgesetze und Satellitenmüll diskutieren, hat die Wache auf der Brücke etwas Neues gesichtet. Wir stürmen an Deck. Besuch! Eine schöne weisse Segeljacht kreuzt einige Meilen entfernt unseren Kurs. Nach fünf Tagen auf See endlich einmal etwas anderes als nur Wasser! Wo kommt die Jacht her? Wo geht sie hin? Ein Werweissen, während sie sich in westlicher Richtung davon macht.

Ein nächstes Unwetter zieht auf. Links und rechts von uns Wetterleuchten. Wir segeln zwischen zwei Gewitterfronten und hoffen, ungeschoren davon zu kommen. Es bietet sich ein fantastisches Schauspiel. Die Wolken und das Meer links und rechts von uns verbinden sich und lassen es regnen. Zwei graue Wände, der Himmel geschlossen und wir mittendrin. Das Universum hat uns eine schon fast biblische Durchfahrt geschaffen. Wir segeln im trockenen.
Schon dachten wir, wir hätten’s geschafft, da baut sich eine neue Front, eine schwarze Mauer vor uns auf. Jetzt gibt es kein entrinnen mehr. Das Boot kämpft gegen Meter hohe Wellen und der Regen peitscht uns wie Nadeln ins Gesicht.
Das Nachtessen wird zum Akt der Geschicklichkeit. Trotz rutschfestem Tischtuch ist es unmöglich, etwas abzustellen. Die Neigung ist so stark, dass alles überschwappt. Jeder hält seinen Teller mit dem Gulasch in der Hand, versucht im Sitzen das Gleichgewicht zu halten und gleichzeitig den Löffel in den Mund zu bringen. Zwischen den Beinen eingeklemmt eine Flasche Wasser. Doch trinken kann nur derjenige, der Löffel und Teller plus Deckel aufschrauben und Flaschen ansetzten mit zwei Händen gleichzeitig kann. Das Leben an Bord bei solchem Wellengang verlangt einiges ab. Jeder Schritt wird zum Kraftakt. Jede Handtätigkeit muss wohl überlegt sein. Wo halte ich mich fest? Wie gelange ich zur Treppe? Das Boot bäumt sich auf und du knallst an die nächste Wand. Überall blaue Flecken! Es braucht Überwindung bei diesem Sturmwetter auf Wache zu gehen. Auf allen Vieren krieche ich über die Brücke, die Hand ausgestreckt, nach Halt suchend. Der Wind fegt über mich hinweg. Blitze zucken. Der Himmel ein Funken speiendes Feuerwerk. Im Cockpit, mit der Lifeline am Boot festgemacht, fühle ich mich sicher. Ich verfolge das einmalige Naturschauspiel. Vor mir ein Kugelblitz. Einer der im Kreise nach oben schnellt.

Der Regen peitscht. Das Meer schäumt. Der Wind heult. Ein einziger Hexenkessel. Das wolltest du doch: Die Naturelemente hautnah erleben!

23.11.08 Atlantik
8. Tag N23°07, W29°22

Ich sollte endlich wieder einmal schlafen. Ich bin übermüdet, die Augen sind angeschwollen und der Kopf brummt. Ich lege mich in die Koje, döse ein, wache auf, Die Sonne blickt durch die Luke. An Deck ist es angenehm warm. Das Meer hat sich beruhigt, als wäre letzte Nacht nichts gewesen. Aus einem wilden Ungeheuer ist ein sanfter, glitzernder Teppich geworden. An der Reling hängt die nasse Wäsche. Wie eine farbige Girlande flattert sie im Wind. Unsere Crew sitzt an der Sonne und lässt sich die müden Glieder wärmen. Es verspricht ein gemütlicher Nachmittag zu werden. Keiner redet. Da plötzlich brodelt um unser Boot herum das Wasser. Es schäumt und spritzt. „Delphine!“ Blitzschnell sind alle auf den Beinen. Es müssen ein Dutzend dieser Säugetiere sein, grosse und kleine. Ihre Rücken glänzen. Die Flossen schlagen. Sie haben Spass, spielen mit dem Boot, springen hoch, tauchen ab um auf der anderen Seite wieder auf zuschnellen. Sie zeigen ihr lachendes Gesicht. Aus ihren Augen spricht der Schalk. Sie sind einzigartig, so lebensfroh, so beweglich, so charmant. Ich liebe sie. Sie begleiten uns eine kurze Wegstrecke und ziehen dann weiter. Ein Schwarm fliegender Fische folgt hinten nach. Sie segeln mehrere Meter über dem Wasser, als würden sie silberne Bögen in den Himmel malen. Zum Fliegen werden ihre Kiemen wie Fächer aufgespannt, dünn wie Pergamentpapier. Ab und zu verirrt sich einer und landet im Boot.
Die Tiere haben auch uns munter gemacht. Herbert erscheint mit seiner Konzertina, einem kleinen, sechseckigen Akkordeon. Die ersten Töne werden vom Winde weggetragen. Es dauert nicht lange und wir mutieren zum singenden Boot. Unser Repertoire reicht von Balladen über Volkslieder bis hin zum „Junge komm bald wieder...“.
Wir segeln auf einer goldenen Lichtstrasse dem Horizont entgegen. Dem Horizont, der sich nicht fassen lässt, der vor uns zurückweicht, den wir nie erreichen werden.

 

24.11.08 Atlantik
9. Tag  N21°32, W31°10
        

Fünf Uhr in der Früh. Das Boot in Schräglage, ich in Schräglage, alles ist schräg. Ich stehe in der Küche, eingekeilt zwischen Kühl-schrank und Waschtrog und balanciere mit Tasse und Wasserkrug. Der Morgentee vor der Wache ist mir heilig. Das Naschkörbchen mit den Süssigkeiten für die Nacht ist schon fast leer. Über mir trommelt der Regen auf die Dachluke.
Es gibt kein Wind. Wir fahren unter Motor. Etwas später, im Ölzeug, ziehe ich mich durch die Luke an Deck, in eine pechschwarze Nacht. Wir Wacheschieber beschliessen, nicht nach hinten ins Cockpit zu steigen, sondern uns unter das schmale Spritzdach zu quetschen. Das Boot steuert sich selbst. Der Regen ist dicht. Er fällt wie ein Vorhang aus der Dunkelheit. Nebel bildet sich. Ein führerloses Boot sucht seinen Weg durch ein schwarzes Loch. Es fühlt sich an, als würde es in der Versenkung verschwinden. Die Furche, die die Timanfaya wie eine Wunde ins Meer reisst, schliesst sich hinter uns, als hätte es sie nie gegeben.

Gegen Morgen, endlich, versiegt der Regen. Der Himmel öffnet sich. Die Umgebung erhält wieder ein Gesicht. Die Sonne kämpft sich durch die Wolken und lässt den Himmel erröten. Als sich nach dem Frühstück der Wind zurückmeldet, ist die Welt wieder in Ordnung. Die Segel straff gespannt, macht das Dasein an Bord wieder Freude.
Abend. Ich stehe auf der Brücke. Mit einer Hand halte ich mich an einer Want fest, einem Stahltau, und beobachte die Wolkenbilder vor der untergehenden Sonne. Da galoppiert ein Pferd  durch das Himmelszelt, dort schwebt ein brennender Vogel mit weit geöffnetem Schnabel. Fantasiegebilde in rot, orange und gelb.
Faszinierend die Weite, diese Grenzenlosigkeit. Der Wind streift mir über das Gesicht. Ein Gefühl von Freiheit überkommt mich. Weg vom Alltag, weg aus Gewohnheiten und Verpflichtungen, ausgeklinkt, als wäre ich aus dem Leben gefallen. Ich fühle mich frei wie die Möwe, die uns heute Mittag besucht hat. Frei wie die fliegenden Fische, die in Schwärmen über das Wasser segeln. Frei und federleicht.

 

25.11.08 Atlantik
10.Tag N20°05, W33°14

Ein fantastischer Morgen. Wie bei Thomas Hürlimann in „Vierzig Rosen“: ‘Der Himmel will ganz Himmel sein’. Nichts stört das Blau. Eine neue Wärme ist spürbar. Der Süden kommt näher.

Esther ist krank. Sie hat sich verausgabt. Sie ist überall gleichzeitig. In der Küche, auf der Brücke, schiebt Wache, schruppt das Boot. Sie gönnt sich keine Ruhe. Sie verwöhnt uns mit Köstlichkeiten, kocht und bäckt Brownies. Auch nach zehn Tagen auf See zaubert sie noch frisches Obst, Gemüse und Salat auf den Tisch.
Die See ist ruhig. Dies verspricht einen Ferientag, ein Fronen in der Sonne. Hansjörg ist in bester Laune, er läuft zur Hochform auf. Seine Redegewandtheit, seine Sprüche strapazieren unsere Lachmuskeln, lösen Verkrampfungen und wirken als Seelenmassage.

„Nehmen wir ein Bad?“, fragt Christian in die Runde. Wir stoppen das Boot. Das Meer ist flach, das Wasser herrlich warm. Und doch, ich schwimme mit einem beklemmenden Gefühl. Allein zu wissen, dass es unter mir mehrere tausend Meter in die Tiefe geht, dass es eine Unterwelt gibt, die so schön wie brutal sein kann, dass Menschen verschwinden und nie mehr auftauchen, löst Unbehagen aus. Irgendwie fühle ich mich schutzlos, ausgeliefert. Ich halte Ausschau nach Haifischflossen. Doch ausser dem Strampeln von Heidi und Herbert ist nichts Auffälliges zu sehen. Nur Himmel und Wasser, zwei unterschiedlich blaue Farbflächen, die sich am Horizont vereinen.

 

26.11.08 Atlantik
11.Tag N17°49,W34°85

Ich warte auf Elena, meine Wachablösung. Es kommt jetzt vermehrt vor, dass der Wecker nicht gehört und dass verschlafen wird. Eine allgemeine Müdigkeit ist spürbar. Die Schlafintervalle sind kurz. Der Morgen kündigt sich mit einem schmalen Silberstreifen im Osten an. Ich liebe den langsamen Übergang von der Nacht zum Tag, den Neubeginn, das Licht.

In der Nacht ist der Wind zurückgekehrt und ermög-licht uns ein zügiges Segeln. Mit 8 bis 10 Knoten preschen wir Richtung Süden. Es fehlen uns noch drei Breitengrade um auf den gewünschten vierzehnten zu kommen. Dort erwarten wir den Passatwind, der uns von Osten nach Westen pusten soll.

Am Nachmittag erleben wir eine Flugschau der besonderen Art. Weisse Reiher fliegen in einer Vierergruppe synchron über unser Boot. Ihre Flügel sind weit gespannt, einander nahe und berühren sich doch nicht. Wie eine Kunstflugstaffel ändern sie ihre Formation immer wieder neu. Sie zeigen uns ihr ganzes Können. Zum Schluss umkreisen sie unser Boot, verabschieden sich mit einer eleganten Schleife, steigen auf und fliegen der Sonne entgegen.

27.11.08 Atlantik
12.Tag N16°45, W37°44

Ein feuchter Morgen. Das Deck übersäht mit abertausenden Wasserperlen die sich im Licht spiegeln. Auf dem Mast entdecken wir einen blinden Passagier. Auf feinen, langen Stelzenbeinchen versucht er das Gleichgewicht zu halten. Er trotzt dem Wind. Müde von seiner Vielfliegerei ruht er sich aus. Ängstlich und doch neugierig kommt er später zu uns aufs Deck. Seine gelben Knopfaugen beobachten uns genau. Sein Federfell ist blütenweiss. Er hat Hunger, meint Christian und hält die Angelrute im Wasser. Doch unser Passagier zeigt kein Interesse an einer frischen Goldmakrele. Er legt den Kopf unter seine Federn und schläft.

Der Abend verspricht spannend zu werden. Auf dem Tisch stehen acht Gläser und eine Flasche Prosecco. Haben wir etwas zu feiern? „Setzt Euch!“ befiehlt der Skipper. „Ich habe zwei Nachrichten. Eine gute und eine schlechte. Die gute zuerst: Es ist Halbzeit, darauf stoßen wir an“. Doch uns interessiert die schlechte Nachricht, und die kommt schwer daher. Die Wasserentsa-zungsanlage ist defekt, die Wassertanks sind beinahe leer und vor uns noch mehr als tausend Meilen. Das bedeutet Wasser sparen. Ab sofort keine Dusche, kein Haarwaschen, kein gar nichts mehr, was mit Wasser zu tun hat. Einzig das Zähneputzen ist noch er-laubt. Das Trinkwasser wird ebenfalls reduziert. Pro Kopf und Tag stehen uns eineinhalb Liter zu Verfügung. Wir sind sprachlos. Mitten im Atlantik sitzen wir auf dem Trockenen! Auf ein Mal ist Wasser nicht gleich Wasser.

28.11. 08 Atlantik
13. Tag N15°26, W39°43

Hat sich unsere Haut vor ein paar Tagen noch vor Kälte zusammen gezogen, so öffnet sie sich jetzt wie eine Blume. Schweißperlen treiben an die Oberfläche. Auf unseren T-Shirts bilden sich dunkle Flecken. Es ist schwül geworden. Der Himmel ist bedeckt. Vor uns steht eine grosse, dicke Wolke. Plötzlich löst sich ein grauer Pfropfen aus der Dunkelheit. Ein rüsselartiger Wolkenschlauch treibt auf uns zu, kommt näher. Ein Ungeheuer. Er dreht sich wie ein Wirbel. Das Wasser um ihn brodelt. „Eine Windhose“ ruft der Skipper, der das Phänomen schon länger im Visier hat.

Er befiehlt eine Richtungsänderung. Wir stehen da wie gelähmt, unfähig uns zu bewegen. Das Auge gebannt auf den kleinen Tornado gerichtet, der orientie-rungslos über das Wasser fegt. Was, wenn er uns erwischt? - Aufatmen. Der Wirbelwind zieht an uns vorbei. Das Meer zeigt sich wieder wie eine liebliche Hügellandschaft der Toskana. Meterhoch bauen sich die Wellen auf, um dann langgezogen, mit einer überheblichen Noblesse auszulaufen.
Ein beiläufiger Blick ins Wasser irritiert mich - auf dem Rücken liegend und mit allen vier Beinen strampelnd erweist uns eine imposante Riesenschildkröte die Ehre. Sie schaut uns mit ihren runden Augen vorwurfsvoll an. Diese Deppen, denkt sie, haben mich beinahe überfahren. Sie zieht den Kopf ein, gibt sich einen Stoss und taucht unter.
Ein Ereignis jagt das andere. Die Angelrute surrt. Hansjörg braucht Hilfe. Er kann die Leine nicht einziehen. Der Fisch muss immens sein. Mit Bootshaken und vereinten Kräften wird ein Tunfisch an Bord gezogen. Ein toller Kerl, gute eineinhalb Kilo schwer. Elena, die Fischerin vom Bodensee, wie sie seit neustem genannt wird, zerlegt das Tier bravourös. Das Fleisch ist rosa. Roh als Fischtatar zur Vorspeise, wird er zum unvergesslichen Genuss.

Der Fischfang wird eingestellt. Christian hat genug vom Fisch. Er möchte wieder einmal Fleisch essen.

29.11.08 Atlantik
14.Tag N13°58, W41°40

Der grosse Atlantik ist zahm wie ein See. Ruhig wellt er dahin. Seit vierundzwanzig Stunden sind wir wieder unter Motor. Kein Wind weit und breit. Unser Po setzt vor lauter sitzen Hornhaut an. Die Nachtwache wird zur Tortur, ein Kampf gegen den Schlaf. Jeder von uns wünscht zu segeln, jeder sehnt sich den Wind herbei. Ansonsten ist das Leben an Bord zum Alltag geworden. Die Crew ist eingespielt, funktioniert, hat Spass zusammen. Man kennt die Gepflogenheiten eines jeden. Herbert zum Beispiel, der sein Frühstück in Zeitlupe zelebriert. Hansjörg, der genussvoll nach dem Essen seine dicke Zigarre raucht, Heidi die voller Lebenslust und Musik auf der Suche nach Gesprächspartnern ist. Elena, die immer etwas Neues erleben will und Reto, der sich gerne zu sich selbst zurück zieht. Nicht zu vergessen Esther, die „Dame des Hauses“ und unser Skipper, der Action braucht. So ist es nicht verwunderlich, dass er die Crew zusammen trommelt, um bei wenig Wind den Spinnaker zu hissen.

Der Spinnaker ist ein riesiges Tuch, blau, dünn, wie eine Ballonhaut. Er wird am Bug, vorne am Spitz des Bootes in einem Sack hochgezogen, ausgeschüttet und ausgebaut. Der Wind, der das Tuch von hinten erfasst, bläht es auf und gibt Schubkraft. Der Auf-wand der Montage ist gross, das ganze kompliziert. Bei gutem Wind macht es Spass. Doch bei Flaute ist es ein ewiger Kampf, das bisschen Wind in das Tuch zu holen. Wir müssen jetzt jeden Hauch ausnützen, denn auch der Diesel geht langsam zu Ende.
Der Nachmittag wird heiss. Die Sonne sticht. Die Luft ist feucht. Kein Schattenplatz im Cockpit. Unter Deck ist es ebenfalls kaum auszuhalten. Nur Heidi steht in der Küche und backt „Chräbeli“, ein Änisgebäck für den ersten Advent morgen.

30.11.o8 1. Advent
15.Tag N14°01, w43°43

Wir segeln so schlecht und recht. Das Ganze wird zur Nervenprobe. Die Tücher fallen immer wieder zusammen, flattern, schlagen. Dank dem Passatstrom unter dem Kiel kommen wir trotzdem voran. Die Sonne brennt erbarmungslos. Mit dem geringen Fahrtwind ist ke-ne Abkühlung in Sicht. Wir sind gezwungen, langärmlige Blusen und Hemden zum Schutz gegen Verbrennungen zu tragen. Seit Tagen ohne Dusche fühle ich mich wie eine wandelnde Salzskulptur. Meine Haut hat eine Patina aus Schweiss, Salz und Sonnencrème, eine klebrige Melasse. Ich wünsche mir nichts sehnlicher als eine schöne, kühle Süsswasserdusche. Am Nachmittag kommt Hoffnung auf. Am Horizont bilden sich Gewitterwolken. Es könnte Regen geben. Wir stürzen uns in die Badehose, holen Plastikeimer um das köstliche Nass aufzufangen und warten. Wir beobachten, spekulieren, werweissen. Der Wind kommt mit voller Kraft. doch der Regen zieht in grossem Bogen an uns vorbei. Eine Riesenenttäuschung.
Die Nacht ist laut. Ich mache kein Auge zu, lausche in die Dunkelheit, höre das Jammern des Windes, das Ächzen der Jacht. Ein An- und Abschwellen, ein Luft holen, um mit geballter Kraft zurückzukehren. Es tönt wie ein Sturm auf dem Festland.
Der Wind pustet uns immer weiter nach Westen. Der Passat hat uns erfasst.

1.Dezember 08 Atlantik
16. Tag N13°53, W47°09

Wir kämpfen gegen Wind, Wellen und Böen. Das Boot pflügt sich durch die Wogen und zieht einen schäumenden Teppich hinter sich her. Heute macht das Segeln Spass. Die Geschwindigkeit berauscht. Meilen um Meilen fliegen wir der Karibik entgegen. Unsere Männer träumen von der Ankunft, von festem Boden unter den Füssen, von heisser Musik und kühlen Getränken. Wir werden zuerst Barbados ansteuern, weil diese Insel uns am nächsten liegt und wir Wasser bunkern können. Hält der Wind an, werden wir in vier bis fünf Tagen dort ankommen.
In der Nacht wirbelt uns erneut ein Gewitter durcheinander. Ich komme mir vor, als bewege ich mich in einem Tumbler mit Schongang. Bei meiner Wache um zwei Uhr morgens jedoch ist der Himmel reingefegt. Ein strahlendes Sterngewölbe erwartet mich. Der Mond als silberne Sichel ist schon am sinken. Später zeigt sich als neues Phänomen das Südkreuz am Firmament. Vier gleich grosse, gleich leuchtende Sterne bilden einen schräg liegenden, verlängerten Rhombus. Ein beeindruckendes Sternenbild. Als sei es eigens dazu geschaffen, die Seefahrer zu beschützen. Ein gutes Gefühl.

3. 12. 08 Atlantik
18. Tag N13° 51, W53°21

Essen, schlafen, wachen, essen, schlafen... wir segeln rund um die Uhr. Die konzentrierten Schichten der letzten Tage gehen an die Substanz. Hitze und wenig Schlaf hinterlassen Spuren. Es ist ruhig geworden auf dem Boot. Jeder ist mit sich selbst beschäftigt.
Der Himmel strahlt. Leicht wie Watte sitzen die typischen Passatwölkchen wie auf einer Leine in der Luft.
Unser Skipper braucht wieder einmal eine Abwechslung. Er will den Spinnaker aufziehen. Das bedeutet harte Arbeit für die Männer. Das Grosssegel muss runter und der Baum eingebaut werden. Die Luft kocht. Reto schwärmt von eiskaltem, weissem Martini, Hansjörg von einem karibischen Fruchtcocktail. Vor Heidis Augen entsteht eine Eisdiele mit Mango, Ananas, Orangen und Zitronen. Schöne Träume. Die Realität sieht anders aus. Eine Petflasche warmes Wasser, unsere Tagesration, ein halbes Zahnglas klares Nass für die Körperpflege und ein Meer voller Salzwasser. Noch zwei Tage bis Barbados.

5.12. 08 Barbados
20. Tag N13° 34. W59°05

Wasser, nichts als Wasser. Heute soll sich das ändern. Wir sind auf gutem Kurs. Der Wind bläst von hinten. Der Spinnaker, das bauchig geschnittene Vorsegel, ist voll gefüllt und schiebt uns voran. Ein imposantes Bild. Nervosität und Vor-freude machen sich breit. Immer wieder stehe ich auf der Brücke und schaue über das Spritzdach, suche den Horizont ab. Um 12Uhr 07 glaube ich eine Verdickung zu entdecken oder ist es eine Fata Morgana? Das altbewährte Fernglas bringt es an den Tag: es ist die Insel! Langsam wächst sie aus dem Wasser, breitet sich aus, zeigt ihr Grün.
Wir haben es geschafft, wir haben den Atlantik bezwungen, haben einen Traum wahr gemacht. Mehr als drei tausend Meilen in 20 Tagen! In mir tobt ein Sturm der Gefühle. Stolz und Wehmut, Freude und Schmerz wechseln sich ab. Ankommen bedeutet auch Abschied nehmen.
Bis wir in den Hafen einlaufen, dauert es noch Stunden. In Küstennähe tauchen Häuser auf, Strassen, Autos, Menschen. Etwas sträubt sich in mir. Sollte ich nicht umkehren, zurück in die unendliche blaue Weite, dorthin wo mir die grosse Uferlosigkeit ein kleinwenig zur Heimat wurde?
Die Sonne senkt sich blutrot zwischen ausladenden Palmenblättern in das Meer, als wir den ersten Schritt an Land wagen.

 
Katharina O.
 

 
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